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Zurück ins leben

Was Yoga und Persönlichkeitsentwicklung gemeinsam haben.


Danksagung an drei wunderbare Menschen


Der Block ist neben Matte, Gurt, Polster und Decke ein Hilfsmittel in der Praxis des indischen Yogalehrers B.K.S. Iyengar (1918-2014). Diese so genannten Props helfen in den Klassen von Andrea von Manolaya dabei, die Asanas sauber und beschwerdefrei auszuführen. DER BLOCK ist auch ein mehrtägiges Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung. Durchgeführt von der Hohenbrunner Akademie ist auch dieser BLOCK gewissermaßen ein Hilfsmittel, um – wie durch eine kontinuierliche Yogapraxis – besser ans Ziel kommen: letztendlich zu einem glücklichen, zufriedenen, dankbaren und gelassenen Sein im Hier und Jetzt. Zunächst wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass Yoga und ein Seminar zur Persönlichkeitsentwicklung etwas gemeinsam haben. Doch dann habe ich festgestellt, dass es bei beiden um das Gleiche geht: um Selbsterkenntnis und Heilung.


Krebs und Gedanken sind Arschlöcher


Als mir vor einem Jahr der wichtigste Mensch in meinem Leben in weniger als zwei Wochen buchstäblich vor den Augen vom Krebs weggefressen wurde, brauchte ich dringend beides. Wochenlang lag ich handlungsunfähig auf der Couch. Mantra-singend und meditierend habe ich verzweifelt versucht, meinen Geist einzufangen. Dieses kleine Arschloch hatte sich in das dunkelste Tal verlaufen, in dem ich mich jemals befand.


Die psychischen und emotionalen Zustände waren derart unerträglich, dass ich mich am Liebsten hätte sedieren lassen. Das Psychopharmakon, das ich bekam, zeigte nur unendlich langsam eine Wirkung. Meine Therapeutin meinte trocken, ich solle mir doch einen Freund suchen. Geteiltes Leid sei halbes Leid. Ich dachte, ich muss ihr vor die Füße kotzen. Wie soll ich mich ausgerechnet jetzt anhübschen und zu einem Date gehen? Ich war fassungslos und verärgert. Aber auch ein wenig belustigt. Schließlich hatte ich mir bereits überlegt, mich in eine Klinik einzuweisen, um dort die dunkle Wolke auszusitzen. Vielleicht hätte sich ja ein fescher Pfleger als potentieller Lebenspartner angeboten. Schließlich habe ich mich gegen eine Klinik entschieden. Ich wollte meine Exitstrategien dann doch nicht weg malen. Meine Therapeutin schoss ich freilich auch in den Wind (als studierte Psychologin halte ich sehr viel von klassischer Psychotherapie. Nur eben von guter). Zwar ging mein psychisch-physischer Total-Shutdown langsam zurück, aber von Wohlbefinden war keine Rede.


Panikattacke im Shavasana


Bereits im schlimmsten Zustand hatte ich bei Andrea von Manolaya meine Yogapraxis wieder aufgenommen. Seit zehn Jahren praktiziere ich nun Yoga, mehr als fünf davon bei Andrea. Erst durch die Praxis bei ihr durfte ich lernen, was Yoga in all seinen körperlichen und spirituellen Facetten wirklich bedeutet. Zum Glück bot Andrea Corona-bedingt ihre Klassen via Zoom an. An eine Teilnahme vor Ort und überhaupt an ein Hinkommen zum Ort wäre nicht zu denken gewesen. Zuerst war es mir kaum möglich, den Stunden zu folgen. Musik überforderte mich gänzlich (und das, obwohl Andrea ausschließlich großartige Playlists hat). Und dass man selbst in der „Totenstellung“ Shavasana Panikattacken bekommen kann, war mir bis dato auch neu. Die Yogapraxis war mehr Qual als Erlösung.


Doch peu à peu kehrte sich das Verhältnis um. Ich gelangte wieder dahin, wo ich mit Yoga angelangen wollte. Im Hier und Jetzt. Mit einem Geist, der ganz bei mir ist, wenn ich im Kopfstand, Shirshasana, das Gleichgewicht zu halten versuche, oder in der Taube, Kapotasana, damit beschäftigt bin, dass mir das angewinkelte Bein nicht aus der Verankerung springt. Ich war unglaublich dankbar und glücklich, dass ich während meiner Yogapraxis zumindest temporär nicht am Durchdrehen war. Das wohlig-entspannte Gefühl, das sich in meinem Körper nach der Klasse breit machte, übertrug sich auch auf meinen Geist. Doch kaum schlug ich am nächsten Morgen die Augen auf, war die Sicht schon wieder durch dunkle Wolken verfinstert.


Gemüse zu Suppe kauen


Als ich beruflich Karl Fordemann von der Hohenbrunner Akademie interviewte, war ich platt. Schon unser erstes Zoom-Gespräch brachte mir mehr als zwanzig Stunden Psychotherapie. Als Karl mich dann über den Todestag zum einwöchigen Seminar DER BLOCK einlud, nahm ich dankbar an – wegen ihm, seiner Persönlichkeit, der Herzenswärme und dem Wohlwollen, die er ausstrahlte. Und zunächst nicht, um meine „Persönlichkeit zu entwickeln“. Schließlich habe ich ja genug Persönlichkeit, nur leider auch genug Depression und Trauer. Schaden kann es ja nicht, dachte ich mir. Damit es mir besser geht, hätte ich mir auch ein Bein ausgerissen.


Mit einer ansehnlichen Panikattacke kam ich im Seminarhaus Holzmannstett im oberbayerischen Pfaffing an. Mein hübsches Zimmer und die schöne Anlage mit Schwimmteich beruhigten mich ein wenig. Auch darüber hinweg, dass ich meine Tage dort im Grunde nur mit Kleidung, Zahnbürste und Bleistift bewaffnet verbringen sollte. Handy, Uhr, Laptop, Lektüre, Kaffee, Alkohol und Tabak waren tabu. Außer in den Einzel- und Gruppengesprächen war Schweigen angesagt. Jeder Bissen der vegetarischen Kost sollte dreißig Mal gekaut werden. Ich dachte, ich höre nicht richtig. Was bilden die sich eigentlich ein. Aber schlimmer konnte es bei mir ja nicht werden. Also machte ich brav mit. Und es hat sich voll und ganz gelohnt.


Der ganzheitliche Ansatz, den das Seminar verfolgt, integriert die sinnzentrierte Logotherapie nach Viktor E. Frankl, die humanistische Psychologie, die positive Psychologie sowie die neuesten Erkenntnisse aus der Neurowissenschaft und Gehirnforschung bis hin zu denen aus der Epigenetik. Gesundheitspraktikerin und Resilienzcoach Ingrid Scherle, die mir und den neun weiteren Teilnehmerinnen und Teilnehmern die theoretischen Inhalte vortrug, stand Karl Fordemann in Sachen Ausstrahlung und Präsenz in nichts nach. Selten habe ich eine Person kennengelernt, die soviel Kraft und Stärke ausstrahlt. Und von der ich – als recht kritisch denkender und sehr rational-wissenschaftlich gesinnter Mensch – die vorgetragenen Inhalte und vorgeschlagenen Lösungswege gerne annahm.


Die Zeiten der Stille, in denen ich die gelernte Theorie auf meine eigene Situation übertragen konnte, wechselten sich ab mit Phasen des Austauschs, in denen die neu gewonnenen Erkenntnisse in Einzel- und Gruppengesprächen vertieft werden konnten. Im Zusammenspiel mit ausgedehnten Spaziergängen, Qigong-Übungen und vielen weiteren so behutsam und durchdacht zu einem Gesamtkonzept kombinierten Einheiten des Seminars haben sie schließlich dazu geführt, dass ich mit einem breiten Grinsen nach Hause gefahren bin.


Zurück im Leben


Das Grinsen hielt noch Tage an. Die Erschöpfung auch. Was jedoch bis heute, und damit nach mehr als zwei Monaten blieb, ist ein unerschütterlicher Glaube an mich selbst und ein tiefes Vertrauen in das Leben. Beides hatte ich im Seminar wie in einem blitzartige Heureka-Moment wiedergefunden. Jetzt kann ich mehr und mehr so denken und fühlen, wie die amerikanisch-nigerianische Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie ihr wunderbares Buch betitelte: „Trauer ist das Glück, geliebt zu haben“. Und wie es der österreichisch Neurologe und Psychiater Viktor E. Frankl mit seinem bekannten Werk ausdrückte: „… trotzdem Ja zum Leben sagen“. Natürlich ist weder meine Trauer noch meine Depression weg. Doch der tägliche, minütliche Kampf, den ich ein Jahr lang führen musste, um nicht an die Wand oder aus dem Fenster zu springen, hat sich zu einem achtsamen und bewussten Sein im Hier und Jetzt entspannt. Unbeschwert, leicht kann ich zwar noch nicht durchs Leben gehen. Aber zumindest auf die Yogamatte hüpfen. Um mit meiner lieben Freundin und großartigen Yogalehrerin Andrea das aufrecht zu erhalten, was ich im Seminar DER BLOCK wiedergefunden habe: den Sinn in meinem Leben.


In diesem Sinne: „Lokah Samastah Sukhino Bhavantu“ – „Mögen alle Menschen, Tiere und Lebewesen glücklich und frei sein.“


AUTORIN:

Dr. Christine Stenzer

September 2021, Unterhaching



 

Die Autorin ist promovierte Geisteswissenschaftlerin und seit mehr als fünfzehn Jahren unter

anderem als Autorin und Journalistin tätig. Mit diesem sehr persönlichen Einblick in ihre Zeit eines

psychischen und emotionalen Ausnahmezustandes und dem Weg zurück ins Leben möchte sie

Andrea Ispan von Manolaya und Karl Fordemann und Ingrid Scherle von der Hohenbrunner

Akademie ihren tiefen und ehrlichen Dank aussprechen. Vielleicht erkennt sich die/der ein oder

andere LeserIn wieder und fühlt sich darin bestärkt, weiterzumachen und nicht aufzugeben.

Vielleicht kann auch Euch der Sprung auf die Yogamatte und/oder die Teilnahme am Seminar dabei helfen.

Es soll an dieser Stelle unbedingt noch einmal betont werden, dass weder Yoga noch das

Seminar eine professionelle psychologische, psychotherapeutische oder psychiatrische Behandlung ersetzen können.



Skulptur „Der Schreitende“ von Joachim Berthold (Künstler) *1917 – † 1990


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